Programm
... bis neulich
Unter
dem Titel “Bis Neulich” spielt Volker Pispers ein munter vor sich hinwucherndes
und mutierendes Kabarettprogramm, das im Herbst 2002 als BEST OF aus
20 Jahren das Bühnenlicht erblickt hat und mittlerweile eine ständig
aktualisierte, wilde Mischung aus ganz alten und ganz neuen Texten ist.
Als “Kabarettprogramm in progress” ist kein Abend genau wie der andere,
und wenn Sie “Bis Neulich” ein paar Monate später wieder besuchen, werden
Sie schon wieder Einiges vermissen, was Sie heute gehört haben und Einiges
hören, was Sie heute zwangsläufig vermissen mußten.
So spiegelt das Programm den Zustand der Republik: Das Immerneue im
Ewiggleichen. Denn während uns der Medienzirkus mit seinen Sprechblasenjongleuren
vorgaukelt, daß ständig etwas passiert, tut sich bei den grundlegenden
Problemen so gut wie gar nichts.
Seinen grundlegenden Stil hat Volker Pispers dabei über die Jahre nicht
verändert. Er ist der freundliche und scheinbar harmlos daherredende
Conférencier geblieben, der - eben noch lächelnd - plötzlich hundsgemein
werden kann. Respekt sucht man in Pispers´ Programmen vergeblich. Unverblümt,
kraß und direkt pendelt er zwischen bitterböse und charmant-witzig,
wenn er die Absurditäten der Welt zu Ende denkt. Seine Verarbeitung
von Zitaten, seine gewagten Rechenoperationen und seine Zukunftsszenarien
versöhnen das Publikum durch ein befreiendes Lachen mit seiner eigenen
gefühlten Wirklichkeit.
Volker Pispers präsentierte aktuelles Programm im Pantheon
Von Ulrike Strauch
BONN. Es scheint, als sei dieser Tage nichts leichter als politisches
Kabarett. Ein paar Anmerkungen zu Bundespräsident Wulff, ein paar wohl
dosierte Seitenhiebe in Richtung Merkel. Und die FDP - "fast drei
Prozent" - muss so oder so dran glauben. Wie gesagt, so leicht könnte
es sich einer machen. Volker Pispers tut das in Bonn natürlich nicht.
Dafür müsste er nicht einer der besten Kabarettisten sein, den das
deutsche Publikum derzeit hat. Er wählt einen unbequemeren Weg; einen,
auf dem ihm sicher nicht jeder folgen muss. So wie auch jetzt, bei
seinem Gastspiel im Pantheon, unter den Zuschauern durchaus ein paar
Skeptiker saßen.
Nichtsdestotrotz ist sein Totengesang auf den Kapitalismus genial.
Schmerzhaft, wenn man denn so ehrlich ist, das eigene Verhalten - die
eigene Naivität und Gleichgültigkeit - in Frage zu stellen. Sich zum
Beispiel darüber Gedanken zu machen, warum Kleidung so wenig kostet,
und welchen Preis diejenigen dafür bezahlen, die sie unter oft
menschenunwürdigen Bedingungen produzieren. Klingt nach Zeigefinger,
besserem Weltgewissen? Mitnichten.
Denn Pispers versteht es, Nüchternheit, Sarkasmus und Provokation so
abzumischen, dass seine Ausführungen die wenigsten kalt lassen dürften.
Er wundert sich offen gestanden nur darüber, dass alle Welt sich
wundert, warum die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter aufgeht.
Warum kaum jemand sehen will, dass das unbarmherzige System von Zins
und Zinseszins unaufhaltsam darauf hinsteuert, sich selbst zu
vernichten. Angesichts dessen war die Finanzkrise von 2008/2009
allenfalls ein leichtes Vorbeben.
Und die Kanzlerin mitsamt ihrer Regierungskoalition? Verhält sich exakt
so, wie es Politiker in den gängigen Katastrophenfilmen meistens tun.
Augen zu, Ohren zu. Hoffen, dass es für in letzter Sekunde noch einen
Ausweg gibt. Weil sich in solch einem Augenblick jeder selbst der
Nächste ist.
Zugegeben, es gibt unbeschwertere Abende als gerade diesen. Aber wenn
es darum geht, diejenigen an den Pranger zu stellen, deren
Entscheidungen das Leben von Millionen Menschen ruinieren können,
trifft Pispers genau ins Schwarze.
Dorthin, wo es richtig weh tut. Und sicher nicht nur denen, denen er
erstens zu links und zweitens nicht lustig genug ist. Dass seine
Landsleute sich bis zum bitteren Ende alles gefallen lassen werden,
anstatt endlich aufzustehen, findet er eben nicht zum Lachen. Doch sein
resigniertes Schulterzucken mit Blick auf die Reihen ändert nichts
daran: Die Hoffnung stirbt zuletzt - das gilt auch für Volker Pispers.
Bonner General-Anzeiger 28.01.2012