Programm
MEISTER YODAS ENDE
Nach über einjähriger Bühnenpause kehrt Georg Schramm endlich mit einem neuen Kabarettsolo auf die Bühne zurück.
MEISTER YODAS ENDE
Über die Zweckentfremdung der Demenz
Lothar Dombrowski ist aus der Anstalt ausgebrochen. Es gilt eine
Botschaft unter die Menschen zu bringen. Für tatenloses Grübeln ist der
globale Niedergang schon zu weit fortgeschritten. Er geht auf Werbetour
und sucht Mitstreiter unter Gleichgesinnten und Altersgenossen, die
nicht mehr viel zu erwarten haben und die wie er, lieber im Blitzlicht
der Öffentlichkeit scheitern, als gehorsam bis zum kläglichen Ende im
Pflegeheim dahin dämmern.
Ein Satz aus Schillers „Wallensteins Tod“ hat ihn aufbrechen lassen.
Der letzte Satz, bevor Wallenstein sein Schwert gürtet und in die
Schlacht zieht:
„Komm, lass die Sterne, Seni, der Morgen naht und Mars regiert die Stunde.“
Ein bitter-komischer Abend, denn seit alters her bringt uns der Clown
zum lachen, weil wir ihm bei seinem vorhersehbaren Sturz zusehen
dürfen, ohne selbst zu fallen. Er ist der Dumme, und deshalb ist auch
ein August dabei!
Möge die Macht mit ihm sein!
Regie: Rainer Pause
Nie war Zorn so komisch wie bei Georg Schramm
HAMBURG.
Der Name seiner Selbsthilfegruppe passt ihm gar nicht: "Altern heißt
nicht trauern". Trauern? Lothar Dombrowski, renitenter Rentner par
excellence, will nicht trauern, er will politisch etwas bewegen, im
Kampf Arm gegen Reich ein Zeichen setzen. Nur, verdammt, welches?
Der
Rentner Dombrowski ist die Paradefigur des Kabarettisten Georg Schramm,
61, der mit seinem neuen Programm jetzt im St.-Pauli-Theater gastiert.
"Meister Yodas Ende. Über die Zweckentfremdung der Demenz" zeigt
Schramm, der zwölf Jahre als Psychologe in einer neurologischen
Rehaklinik gearbeitet hat, in absoluter Bestform. Nie war Schramm
bissiger, nie war er politischer, nie war er komischer.
Im
Schlepptau Dombrowskis bringt Schramm seine anderen tragikomischen
Helden auf die Bühne, den großsprecherischen Oberstleutnant Sanftleben
und August, diesen verzweifelt-komischen Sozialdemokraten, der seine
geliebte Frau aus dem Friedhofsgrab klauen lässt, um sie im heimischen
Schrebergarten zu verscharren.
Schramm
verfügt über glänzende schauspielerische Fähigkeiten, seine satirischen
Spitzen sitzen - egal, ob er über "Politiker, die ihre intellektuellen
Sprechblasen in Talkshows entleeren" wütet, über "bildungsferne
Unterschichtsmännchen und junge Muselmännchen", über den
Afghanistan-Krieg, das Böse an sich, Testosteron in der Steinzeit,
Stuttgart 21. Nie reizte Zorn mehr zum Lachen.
Und
irgendwann gegen Ende des dreistündigen Abends geht es auch um den
"Star Wars"-Meister Yoda - und auch um Demenz. Kein lustiges Thema,
gewiss. Wenn Schramm aber von Demenzkranken im Altenheim erzählt, die
eine Einladung zum Memory-Turnier erhalten, dann ist das nur noch
bitter. Und brüllend komisch. Durch das St.-Pauli-Theater wehte denn
auch fortan ein "Hauch von Sportpalastatmosphäre", wie Schramm
süffisant anmerkte. Im Publikum gab es da schon längst kein Halten mehr.
Dass
alle fünf Abende mit Schramm ausverkauft sind, darf niemanden
überraschen. Er ist der einsame Gipfel des deutschsprachigen Kabaretts.
Hamburger Abendblatt, 27. Januar 2011
Denkwürdig
Georg Schramm: "Meister Yodas Ende"
Von Christoph Schütte
Mainz.
Und dann, am Ende, nach gut zwei Stunden, wird es mit einem Mal ganz
still im Mainzer unterhaus. Totenstill buchstäblich, so dass man des
Nachbarn Luftanhalten hört. Dabei lag das Publikum gerade eben noch vor
lauter Lachen unter seinen Sitzen. Etwa angesichts von Augusts, nun,
nennen wir es Hobby, allmorgendlich in seinem Schrebergarten mit dem
Luftgewehr auf die erste Seite der "Bild" zu feuern.
Von
Lothar Dombrowski, Georg Schramms Paradefigur, einmal ganz zu
schweigen. Denn selbstredend hat der renitente Rentner seine
Selbsthilfegruppe "Altern heißt nicht trauern" nicht gegründet, um über
die heilsame Wirkung etwa von Haifischknorpeldragees zu debattieren.
Vielmehr ist sein Anliegen vor allem politisch und moralisch motiviert.
Und voller unheiligem Zorn.
"Die Vernunft kann sich mit größerer
Wucht dem Bösen entgegenstellen, wenn der Zorn ihr dienstbar zur Hand
geht", hat Schramm schließlich bei Papst Gregor dem Großen gelesen. Ein
Motto, das er wie wohl niemand sonst unter den verbliebenen
Polit-Kabarettisten zum Programm verdichtet nur, um Politik, Kirche und
die Habgier als "Prinzip unserer Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung"
bloßzustellen auf eine Weise, die sprachlich wie schauspielerisch
ihresgleichen sucht. Für sein siebtes Solo, "Meister Yodas Ende", mit
dem er jetzt auf Tournee geht, braucht Schramm nichts als einen
Garderobenständer, um auf offener Bühne von der Rolle des Frankfurter
SPD-Stammtischlers August in die des Oberstleutnant Sanftleben zu
wechseln, von dort zu Dombrowski und wieder zurück in Augusts
Schrebergarten. Und immer zorniger zu werden.
Dabei sind Schramms
bekannteste Figuren alles andere als Typen, sondern bis ins Detail
ausgearbeitete Charaktere. An den Verhältnissen verzweifelnde Menschen
freilich allesamt wie August, der seine SPD nicht mehr versteht, wie
Sanftleben, der sich die Truppe schöntrinkt, und wie Dombrowski, dessen
Erkenntnisse bisweilen radikal anmuten, es bei genauerer Betrachtung
aber gar nicht sind. Er bringt nur auf den Punkt, was vor Jahren noch
zum guten Ton gehörte nicht nur im Kabarett, bei
Globalisierungskritikern oder radikalen Spinnern. Und heute als
mindestens sozialromantisch, wo nicht als peinlich gilt: Dass nämlich
"der Riss in diesem Land" noch immer "zwischen Arm und Reich" verläuft
und nicht zwischen Alt und Jung, Deutschen und Nichtdeutschen.
Das
sture, stolze, wütende Beharren auf einmal gewonnenen Einsichten
entspricht zwar immer schon Dombrowskis Wesen. Doch die Pointe Schramms
ist ungleich subtilerer Natur. Und radikaler. Aufklärerischer. Wenn man
so will: revolutionärer. Stellt doch Schramm sich wie dem Publikum die
Frage nach den Konsequenzen, den Handlungsalternativen jedes Einzelnen
in Anbetracht der diagnostizierten Lage. Und während August sich
lustvoll für die Variante Widerstand und ziviler Ungehorsam
entscheidet, ist es ausgerechnet Dombrowski, der resigniert. Und aus
Angst vor Demenz, vor Pflegestufe drei und Altersheim zur Pillendose
greift: "Wie viele könnte ich nehmen, bis Sie eingreifen?"
Das
ist die Frage des Abends. Nach der Verfassung einer Gesellschaft, nach
der Fähigkeit zur Empathie, nach der Humanität und was davon geblieben
ist. Und nicht zuletzt die nach der Relevanz eines ganzen Genres,
Kabarett. Was für ein Finale! Selten versank ein ausverkauftes Haus
derart in Schweigen. Diese Stille ist Schramms bitterste, verstörendste
Pointe. Und die Essenz dieses Programms. Mehr kann man von gutem
Kabarett beim besten Willen nicht verlangen.